Nein, wir können uns solch eine Wahlkampfrede in Deutschland nicht vorstellen, selbst wenn die Stimmen, die einen stärkeren Patriotismus fordern, lauter werden. In Frankreich hingegen sind solche Reden durchaus an der Tagesordnung. Nicht nur Nicolas Sarkozy, aus dessen Rede am 9. März 2007 in Caen [1] die obigen Sätze entwendet wurden, sondern auch Jacques Chirac [2] bezog sich regelmäßig mit patriotischen Worten auf die französische Nation. So begann er beispielsweise seine Abschiedsrede mit den Worten: „Heute Abend präsentiere ich mich Ihnen mit der Liebe zu und dem Stolz auf Frankreich im Herzen“ .
Aufgrund der Geschichte ist es natürlich verständlich, dass in Deutschland auf jeglichen Anflug von Nationalismus äußerst sensibel reagiert wird. Eine Vergangenheit, die Frankreich in diesem Ausmaß nicht teilt, auch wenn zu Zeiten des Vichy Regimes die Franzosen nicht nur dem Widerstand angehörten. Was an der Rede Sarkozys jedoch weitaus mehr schokiert, ist die Kombination aus überzogenem Nationalismus und der völligen Abwesenheit jeglichen Bezugs auf die Europäische Union oder andere bi- oder multilaterale Institutionen.
In der Abschiedsrede Chiracs war, trotz des ausgeprägten Patriotismus, ein starker Bezug auf die Bedeutung der europäischen Integration vorhanden. Sarkozy hingegen erwähnt nicht nur die Europäische Union mit keinem Wort, er schürt darüber hinaus auch antideutsche Ressentiments: „Denn Frankreich ist nie der totalitären Versuchung erlegen. Es hat nie ein Volk ausgelöscht. Es hat nicht die Endlösung erfunden, es hat weder Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch Genozid begangen.“
Wie könnte ein zukünftiger Präsident Sarkozy, der so explizit die Deutschen angreift, den deutsch-französischen Motor am Laufen halten? Haben wir zu erwarten, dass im Falle einer Präsidentschaft Sarkozys die deutsch-französische Freundschaft ins Stocken gerät? Selbst in seinem Diskurs über die Europäische Union am 21. Februar in Straßburg [3] wurde Deutschland nur am Rande, in Bezug auf den zweiten Weltkrieg und die Verdienste de Gaulles für die Versöhnung der ehemaligen Feinde, erwähnt. Einzig Adenauer wird als bedeutende Persönlichkeit hervorgehoben.
Haben gute deutsch-französische Beziehungen für Sarkozy heute keinerlei Bedeutung mehr für die Konstruktion eines gemeinsamen Europas? Müssen wir befürchten, dass Sarkozys Äußerungen im Hinblick auf Airbus nicht nur Wahlkampfgebrüll waren, sondern vielmehr einen Stimmungswechsel im deutsch-französischen Gefüge andeuten? „Wir sollten mit dieser französisch-deutschen Gleichheit aufhören“ [4] - gilt dies etwas auch für andere Politikbereiche?
Oder schlimmer: Wenn Sarkozy die französische Meinung repräsentiert, kann man daraus ableiten, dass Frankreich deutschlandfeindlich ist? Hat Frankreich etwa, 60 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, noch immer Probleme mit der Gleichwertigkeit des deutschen Nachbarn?
Einige Fakten scheinen diese Hypothese zu erhärten. Der späte Anschluss Straßburgs an den TGV, die ihn als letzte große französische Stadt bekam, zeigt er nicht vielleicht auch die Angst, an den Feind von gestern, dessen Hauptstadt sich viel offener gegenüber Europa zeigt als die jacobinische, zu eng angebunden zu sein? Und was ist mit dem 8. Mai [5] , der französischen Feier, falls es denn eine ist, bei der man nicht das Ende der europäischen Barbarei feiert, sondern vielmehr den Sieg des „letzten Krieges“ (wobei der Algerienkrieg niemals existiert hat) wobei das Frankreich von 1945 die siegreiche Nation und Deutschland die verlierende ist?
Die Rede Nicolas Sarkozys ist in diesem Sinne recht symptomatisch für eine manichäische Sichtweise, die seit sechs Jahrzehnten im französischen Unterricht gepflegt wird.
Glücklicherweise dürften die Gedankenlosigkeiten des Herrn Sarkozy nicht ausreichen, um die deutsch-französischen Initiativen zu erschüttern, die, wie das deutsch-französische Geschichtsbuch, für unsere Schüler mit ein bißchen mehr Objektivität die wenig glorreiche Vergangenheit dies und jenseits des Rheins nachzeichnen. Dies sind wichtige Schritte für ein gemeinsames Voranschreiten anstelle von verfälschenden oder nachtragenden Reden, die Europa nicht mehr nötig hat.








