
Angela Merkel ist die Regierungschefin eines Staates, dem im Hinblick auf die Überwindung der aktuellen Krise und auf die Weiterentwicklung der EU eine wichtige Rolle zukommt. Schließlich handelt es sich um eines der Gründungsmitglieder der Europäischen Gemeinschaften und um einen der wirtschaftlich stärksten Mitgliedstaaten der EU.
Die Voraussetzungen, die Angela Merkel vorfindet, sind äußerst günstig: Die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland begünstigt das Zustandekommen politischer Kompromisse. Dies hängt zum einen mit der starken Rolle der Sozialpartner zusammen; zum anderen mit der regelmäßigen Bildung von Koalitionsregierungen.
Die Fähigkeit, Kompromiss-Lösungen zu finden, ist in der aktuellen Situation in Europa besonders gefragt. Zudem steht Angela Merkel an der Spitze einer großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, also jener politischen Kräfte, welche die europäische Integration in den letzten Jahrzehnten vorangetrieben haben. Dies sollte der Kanzlerin den Rücken stärken – schließlich würde ein Erfolg auf europäischem Parkett sowohl von den europäischen Partnern, als auch von den deutschen Regierungsparteien begrüßt.
Man hat den Eindruck, dass Angela Merkel sich ihrer historischen Rolle im Zuge des europäischen Verfassungsprozesses bewusst ist. Sie hat bereits Vorschläge gemacht, um einen neuen europäischen Verfassungsvertrag auf den Weg zu bringen.
Der bestehende Vertrag solle um einige soziale Komponenten erweitert werden, um auf diese Weise den Gegnern des Vertrags in Frankreich und den Niederlanden entgegen zu kommen. Dieser Vorschlag beweist, dass sich die Befürworter der Europäischen Union auf die deutsche EU-Ratspräsidentin verlassen können.
Aber es ist dennoch nicht zu übersehen, dass Angela Merkel sehr vorsichtig vorgeht. Sie ist der Ansicht, dass eine erneute Ablehnung den Tod des politischen Europa bedeuten würde. Deshalb denkt die Kanzlerin, dass eine Ratifizierung des neuen Verfassungsvertrags seitens der nationalen Parlamente, also ohne Volksbefragungen, der bessere Weg wäre.
Sie übersieht dabei jedoch drei wichtige Aspekte. Zum einen würde man mit dieser Vorgehensweise den Gegnern der EU in die Karten spielen, die Europa ohnehin als „undemokratisches Elitenprojekt“ bezeichnen. Zum anderen wäre es aufgrund der politischen Kultur (und der Gesellschaftskultur) in einigen EU-Mitgliedstaaten (zum Beispiel in Frankreich!) schlichtweg unmöglich, eine solch weit reichende politische Entscheidung ohne die direkte Einbeziehung des Volkes zu treffen. Und schließlich würde Ségolène Royal als (mögliche) Staatspräsidentin eine solche Vorgehensweise ablehnen.
Kurz gesagt: Einerseits spielt Angela Merkel sicherlich eine positive Rolle als EU-Rätspräsidentin, aber andererseits ist sie vielleicht zu vorsichtig und zu zögerlich, um die europäische Krise wirklich beenden zu können.



